Deutsche Einheit: Die Angst fuhr mit im Zug der Freiheit

    0

    (rtn) Bewölkter Himmel, leichter Nieselregen. Es ist Sonntagmorgen 30. September 1989 als genau um 06.14 Uhr „Der Zug der Freiheit“ in den Bahnsteig rollt. Ein Zug der nicht auf dem Fahrplan stand. Im Führerstand der DDR-Reichsbahn ein Lokführer und ein Mitarbeiter der Stasi mit versteinertem Blick.

    Die Fenster der “Taigatrommel“ sind geschlossen, trotzdem hören beide die Jubelschreie „Freiheit, Freiheit“, die ihnen tausendfach aus dem Zug und vom Bahnsteig her entgegenbrüllen. Sogar die Glocken läuteten vom Kirchturm zur Begrüssung der Flüchtlinge in der Stadt, zunächst verhalten, dann immer lauter anzuhören.

    In den Fenster des Zuges erschöpfte, Frauen, Männer und kleine Kinder. Sie weinten alle, hemmungslos, aber ihre Augen strahlten vor Glück!
    Die Gänsehaut die uns Reportern und Zuschauern  dabei über den Rücken strich, kam nicht von der Witterung.

    Auf dem Bahnsteig hunderte von Menschen, dazwischen Tische mit dampfendem Kaffee, frische Brötchen mit Wurst, Käse, Marmelade, Suppe und Kleiderstapel meterhoch. Der komplette Bahnhofsbereich war seit Mitternacht von den Hilfskräften des Bayerischen Roten Kreuzes, des Technischen Hilfswerks und der Bahnhofsmission in große Verpflegungsstationen umfunktioniert.

    Reporterkollegen aus der ganzen Welt hatten seit Stunden das Geschehen mit ihren Kameras und Mikrofonen dokumentiert. Ein blödsinniger Gedanke schoss mir immer wieder wild durch den Kopf. Hält der Akku durch, denn zur Liveübertragung hatte ich mir mein umgebautes C-Netz-Autotelefon an die Schulter gehängt.

    Gleiches beobachtete ich bei anderen Kollegen, die ständig an ihren Kameras herumfuchtelten, auch sie hatten Angst vor dem Akku-Problem. Viel später haben wir alle recht herzlich über unsere damalige Aufregung gelacht. Aber jetzt war es ernst, die ganze Welt blickte nach Hof in Bayern.

    Zögernd traten wir an die Flüchtlinge heran, wir spürten ihre Angst. Das trat auch in den Interviews immer wieder deutlich hervor. Viele von ihnen hatten auf der Fahrt in die Freiheit zum ersten Mal mit eigenen Augen gesehen, wie sehr sich die DDR mit Mauern, Grenztürmen und Todesstreifen abgesichert hatte: „Wir hatten Angst, die man im ganzen Zug riechen konnte“, sagten viele der Flüchtlinge nach ihrer Ankunft.“

    Etwa dreissig Mal gingen ging RSH live vom Bahnhof auf Sendung. Insgesamt kamen dort bis Mitte Oktober sechs „Züge der Freiheit“ an.

    Peter Wüst war damals als Chefreporter von Radio Schleswig Holstein (RSH) und Korrespondent des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages (SHZ) dabei. Fast die gesamte Wendezeit hat Peter Wüst im Osten verbracht. Seine Reportagen, und die seiner Kollegen wurden später mit einem Rundfunkpreis geehrt. RSH war damit der erste Radiosender der Privaten, der mit einem Medienpreis ausgezeichnet wurde.

    Unsere Bilder auf dem rtn-media-server zeigen:
    Zug der Freiheit Ankunft am 1. Oktober 1989

    Erinnerung zum Tag der Deutschen Einheit. Eine Nacht im November 1989, kurz vor Mitternacht an der Mauer vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Es nieselt die Regentropfen tanzen im Scheinwerferlicht der Vopos im Osten der Stadt. Radio Schleswig-Holstein berichtet jetzt rund um die Uhr live aus Berlin, denn dort wurde beinahe täglich Geschichte geschrieben: Nach monatelangen Massenprotesten in der DDR fiel die Mauer – und wenig später das SED-Regime.

    Egon Krenz im Interview auf einem Parteitag der SED

    Bundeskanzler Helmut Kohl in Polen 13.11.1989

    Aussenminister Hans-Dientrich Genscher erhält eine Dokumentation von RSH-Chefreporter Peter Wüst

    Weitere Artikel aus Hof/Bayern: SHZ

    Vor 33 Jahren rollte der erste Zug mit rund 1000 DDR-Flüchtlingen im oberfränkischen Hof in den Bahnhof ein. Reporter Peter Wüst war damals dabei. Er erinnert sich an das denkwürdige Oktoberwochen

    Das Ende von Genschers legendärem Satz „Liebe Landesleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…“ ging im Jubel der Botschaftsflüchtlinge unter. Kurz danach musste der Politiker den Menschen erklären, dass sie noch einmal 253 Kilometer durch das Land fahren müssen, aus dem sie geflüchtet sind. Ein Schock, und wieder ein Schrei aus tausend Kehlen „NEIN!“

    Die Menschen aus der DDR waren nach einem Ungarn-Urlaub in die Prager Botschaft geflüchtet. Nach zähen Verhandlungen des damaligen Außenministers Hans-Dietrich Genscher (FDP) und der DDR-Führung wurde den Flüchtlingen die Ausreise in den Westen am 30. September 1989 gewährt. Die Machthaber in Ost-Berlin wollten die Ausreise ihrer „abtrünnigen Bürger“ aber über ihr eigenes Staatsgebiet abwickeln.

    Ein Zug, der nicht auf dem Fahrplan stand

    Entlang der Strecke zwischen Schöna und Gutenfürst kam es deshalb zu Protesten der DDR-Bevölkerung, in Dresden auch zu Ausschreitungen. Einige Menschen versuchten, auf die durchfahrenden Züge aufzuspringen, was allerdings angesichts der massiven Staatsmacht misslang. Die blauen Ausweise mit dem Emblem des Arbeiter- und Bauernstaates wurde den Bürgern während der Fahrt über Dresden, Freiberg, Karl-Marx-Stadt und Plauen von der Stasi abgenommen: „Wir hatten Angst, die man im ganzen Zug riechen konnte“, sagten viele der Flüchtlinge nach ihrer Ankunft. Auf der Fahrt in die Freiheit hatten sie zum ersten Mal mit eigenen Augen gesehen, wie sehr sich die DDR mit Mauern, Grenztürmen und Todesstreifen abgesichert hatte.

    Vor 33 Jahren rollte um genau 6.14 Uhr am im oberfränkischen Hof der Zug auf dem Bahnsteig ein. Ein Zug, der nicht auf dem Fahrplan stand. Es war der erste Zug der Freiheit mit rund 1000 DDR-Botschaftsflüchtlingen aus Prag, und wieder ein Schrei aus tausend Kehlen: „Freiheit, Freiheit, Freiheit!“ Ein Augenblick, den man sein Leben lang nicht mehr vergessen kann.

    Erschöpfung und Rührung

    Wie versteinert saßen die Lokführer der „Taigatrommel“ in ihrem Führerstand, blickten angewidert auf Menschen, die vor Glück am Bahnsteig niederknieten und den Boden küssten. Einer der Lokführer schrieb später in einem Bericht an die Stasi: „Ich habe mich für meine Landsleute geschämt!“

    Noch am Bahnhof wurden die DDR-Flüchtlinge von Helfern des bayerischen DRK in der Bahnhofshalle betreut und versorgt, viele zitterten vor Erschöpfung, oder weinten gerührt, auch die Helfer. Die meisten Frauen, Männer und Kinder reisten in Aufnahmelager in Bayern und Hessen weiter. 658 blieben erstmal in Hof und übernachteten in der Freiheitshalle.

    Tränen der Rührung bei der Ankunft im Bahnhof.

    Peter Wüst war damals als Chefreporter von Radio Schleswig Holstein (RSH) und Korrespondent des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages (SHZ) dabei. Seine Reportagen, und die seiner Kollegen wurden später mit einem Rundfunkpreis geehrt. RSH war damit der erste Radiosender der Privaten, der mit einem Medienpreis ausgezeichnet wurde.

    Mehr Bilder