(rtn) Tausende DDR-Flüchtlinge hatten sich in die Prager Botschaft gerettet – 29 Jahre ist dies nun her. Peter Wüst war damals bei der Ankunft des ersten Zuges in Hof für den sh:z und R.SH vor Ort. Ein Blick zurück.

Das Ende von Genschers legendärem Satz «Liebe Landesleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise...» ging im Jubel der Botschaftsflüchtlinge unter. Kurz danach musste der Politiker den Menschen erklären, dass sie noch einmal 253 Kilometer durch das Land fahren müssen, aus dem sie geflüchtet sind.  Ein Schock, und wieder ein Schrei aus tausend Kehlen „NEIN!“

Die Menschen aus der DDR waren nach einem Ungarn-Urlaub in die Prager Botschaft geflüchtet. Nach zähen Verhandlungen des damaligen Außenministers Hans-Dietrich Genscher (FDP) und der DDR-Führung wurde den Flüchtlingen die Ausreise in den Westen am 30. September 1989 gewährt. Die Machthaber in Ost-Berlin wollten die Ausreise ihrer "abtrünnigen Bürger" aber über ihr eigenes Staatsgebiet abwickeln. Entlang der Strecke zwischen Schöna und Gutenfürst kam es deshalb zu Protesten der DDR-Bevölkerung, in Dresden auch zu Ausschreitungen. Einige Menschen versuchten, auf die durchfahrenden Züge aufzuspringen, was allerdings angesichts der massiven Staatsmacht misslang. Die blauen Ausweise mit dem Emblem des Arbeiter- und Bauernstaates wurde den Bürgern während der Fahrt über Dresden, Freiberg, Karl-Marx-Stadt und Plauen von der Stasi abgenommen: "Wir hatten Angst, die man im ganzen Zug riechen konnte", sagten viele der Flüchtlinge nach ihrer Ankunft. Auf der Fahrt in die Freiheit hatten sie zum ersten Mal mit eigenen Augen gesehen, wie sehr sich die DDR mit Mauern, Grenztürmen und Todesstreifen abgesichert hatte.

Vor 29 Jahren rollte um genau 06.14 Uhr im oberfränkischen Hof der Zug auf dem Bahnsteig ein. Ein Zug  der nicht auf dem Fahrplan stand. Es war der erste Zug der Freiheit mit rund 1000 DDR-Botschaftsflüchtlingen aus Prag, und wieder ein Schrei aus tausend Kehlen: "Freiheit, Freiheit, Freiheit!" Ein Augenblick den man sein Leben lang nicht mehr vergessen kann.

Wie versteinert saßen die Lokführer der "Taigatrommel" in ihrem Führerstand, blickten angewidert auf Menschen die vor Glück am Bahnsteig niederknieten und den Boden küssten. Einer der Lokführer schrieb später in einem Bericht an die Stasi: "Ich habe mich für meine Landsleute geschämt!"

Noch am Bahnhof wurden die DDR-Flüchtlinge von Helfern des bayerischen DRK in der Bahnhofshalle betreut und versorgt, viele zitterten vor Erschöpfung, oder weinten gerührt, auch die Helfer. Die meisten Frauen, Männer und Kinder reisten in Aufnahmelager in Bayern und Hessen weiter. 658 blieben erstmal in Hof und übernachteten in der Freiheitshalle. 

Peter Wüst  war damals als Chefreporter von Radio Schleswig Holstein (RSH) und Korrespondent des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages (SHZ) dabei. Seine Reportagen, und die seiner Kollegen wurden später mit einem Rundfunkpreis geehrt. RSH war damit der erste Radiosender der Privaten, der mit einem Medienpreis ausgezeichnet wurde.

Unsere Vilder auf dem rtn-media-server zeigen:

 

Zug der Freiheit Ankunft


Erinnerung zum Tag der Deutschen Einheit. Eine Nacht im November 1989, kurz vor Mitternacht an der Mauer vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Es nieselt die Regentropfen tanzen im Scheinwerferlicht der Vopos im Osten der Stadt. Radio Schleswig-Holstein berichtet jetzt rund um die Uhr live aus Berlin, denn dort wurde beinahe täglich Geschichte geschrieben: Nach monatelangen Massenprotesten in der DDR fiel die Mauer - und wenig später das SED-Regime.

Egon Krenz im Interview auf einem Parteitag der SED

Bundeskanzler Helmut Kohl in Polen 13.11.1989

Aussenminister Hans-Dietrich Genscher erhält eine Rundfunk-Dokumentation von RSH-Chefreporter Peter Wüst




rtn media ID: 33279


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